Linn Strømsborg: Nie, nie, nie Rezension

Über ein erfülltes Leben – auch ohne Kinderwunsch

Der Klappentext von Nie, nie, nie versprach viel: Endlich mal eine Autorin, die sich mit dem Thema auseinandersetzt, dass es auch unzählige Frauen dort draußen gibt, die keinen Kinderwunsch haben. Ebenso neugierig wie gespannt fragte ich den Titel beim Dumont Verlag an, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte. Das Buch erschien am 12. April und umfasst 256 Seiten.

Linn Strømsborg Nie nie nie

Die Handlung

Die Erzählerin, die wir in diesem Buch begleiten, ist 35 Jahre alt und hat schon vor langer Zeit beschlossen, dass Kinder nicht zu ihrer ganz persönlichen Vorstellung des Lebens gehören. Vonseiten ihrer Familie und ihrem Partner wird dieser Beschluss jedoch nicht einfach so akzeptiert. Immer wieder wird ihr eingetrichtert, dass sich diese Einstellung ändern könne. Teilweise wird sie sogar bewusst dazu gedrängt, ihre Meinung zu überdenken. Strømsborg behandelt hier unzählige Fragen, die sich mit dem Thema „Kinder“ beschäftigen, ob sie nun zum Bild eines erfüllten Lebens gehören oder nicht.

Meine Meinung

Ihr habt keine Zeit zu lesen? In meinem Lesemonat März auf YouTube könnt ihr euch auch meine Gedanken anhören:

Ich muss zugeben: Ich war auf dieses Buch nicht nur neugierig, sondern dem Ganzen auch ein wenig skeptisch gegenüber eingestellt. Das Thema „Kinderwunsch“ ist heikel und nicht selten bringt eine Aussprache dafür oder dagegen die Negierung eines anderen Lebensentwurfs mit sich. Darüber hinaus ist es schwer, komplett auf den Einsatz jeglicher Klischees zu verzichten.

Die Autorin sollte mich jedoch vom Gegenteil überzeugen: Natürlich sind wir im Kopf der 35-jährigen Protagonistin, die sich keine Kinder wünscht. Allerdings äußert sie sich zu keinem Zeitpunkt negativ über Familien mit Kindern oder versucht, ihren eigenen Standpunkt als den einzig richtigen Weg darzustellen. Ganz im Gegenteil: In einigen Situationen – wenn sie beispielsweise das Glück eines Paares mit ihrem Kind förmlich sieht – fragt sie sich sogar selbst, ob sie nicht doch etwas verpassen könnte. Dies zeigt: Selbst wenn man in seiner Entscheidung recht gefestigt ist, bedeutet dies nicht, dass man aufhört zu reflektieren. Es kann also, muss aber nicht, auch passieren, dass man seine Meinung im Laufe des Lebens ändert.

Doch damit nicht genug. Abgesehen davon, dass Strømsborg in ihrem Buch aufzeigt, wie schwer es ist, seinen eigenen Weg und sein Glück zu finden, zeigt die Autorin auch die Beeinflussung von außen auf. Familienmitglieder, Freunde oder sogar der eigene Partner können unterschiedliche Meinungen vertreten und an diesem Punkt beginnt es, heikel und schwierig zu werden, seinen eigenen Standpunkt nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Tatsache, dass die Protagonistin immer auf ihre innere Stimme gehört hat, machte sie für mich zu einem absolut starken Charakter, zu dem man als Leser aufsehen kann.

Neben dem Kinderwunsch als solches werden in Nie, nie, nie jedoch auch andere Fragestellungen thematisiert, die damit einhergehen. Wie ändern sich Freundschaften, wenn eine Person ein Kind bekommt, die andere jedoch kinderlos bleibt? Hat man überhaupt noch Zeit, die Beziehung zu pflegen? Was passiert, wenn sich die Lebensentwürfe in einer langjährigen Partnerschaft plötzlich auseinanderentwickeln, aber Liebe weiterhin besteht? Verzichtet man auf seine eigenen Wünsche für jemand anderen oder sucht man sich einen neuen Partner? Ist es überhaupt möglich, eine Person mit den exakt gleichen Lebensvorstellungen zu finden, die man auch noch liebt? Ihr merkt vielleicht: All dies sind grundlegende Fragen, die Menschen in der Realität beschäftigen. Und gerade deshalb ist dieses Buch unter anderem so wichtig.

Strømsborg hat aber nicht nur Frauen eine Stimme gegeben, die keine Kinder wollen (Endlich, davon brauchen wir noch so viel mehr!), sondern im Allgemeinen auch Menschen, die nicht in gängige Muster passen. So ist die Protagonistin beispielsweise eine extrem ruheliebende Person, die gerne für sich ist und Dinge allein unternimmt. Ich komme bei meiner Rezension nicht ganz ohne persönliche Referenz aus: Auch ich bin so ein Mensch, der keinen Trubel mag und nicht selten einen Tag für sich allein einer Gemeinschaftsaktivität vorzieht. Geht man damit offen um, stehen dem Gegenüber nicht selten viele Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Warum eigentlich? Dieses Buch zeigt: Es gibt so unendlich viele Formen von Glück und Zufriedenheit. Was das Richtige für den einen ist, ist für den anderen nicht selten der komplett falsche Weg. Es ruft förmlich dazu auf, andere Ansichten zu verstehen und zu akzeptieren, ohne jemandem auf die Füße zu treten.

Abschließend kann ich zum Schreibstil Strømsborgs sagen, dass dieser sehr leicht verständlich und eingängig ist. Viele Passagen erinnern an kleine, zusammenhanglose Gedankenfetzen, was es jedoch noch authentischer macht. Der Weg zu seinem eigenen Ich und seinen eigenen Wünschen ist schließlich auch nicht stringent und einfach, sondern ein Auf und Ab, durchzogen von unzähligen Impulsen.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich jedoch noch: Es gibt sehr viele Seiten in dem Buch, auf denen lediglich zwei Sätze stehen. Das mag dramaturgisch in irgendeiner Form Sinn machen und die Aneinanderreihung kurzer Gedanken stimmig unterstreichen, allerdings ist es auf der anderen Seite auch einfach Papierverschwendung.

Fazit

Meine Skepsis bezüglich der genauen Umsetzung war vollkommen unbegründet. Strømsborg hat dieses Thema, das sowohl für das Individuum als auch auf gesellschaftlicher Ebene sehr wichtig ist, meiner Meinung nach mit Fingerspitzengefühl aufgegriffen und dennoch ein klares Statement gesetzt. Dieses ist für mich zum einen der Appell an die Einzelperson, den eigenen Weg zu finden und zu gehen, unabhängig von Meinungen anderer. Und zum anderen der Appell an die Gesellschaft im Allgemeinen, offener durch die Welt zu gehen und zu akzeptieren, dass Glück für jeden etwas anderes bedeutet.

Eure Sybi

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