Clara Maria Bagus – Die Farbe von Glück: Hoffnungsvolle Lektüre über das Leben und uns Menschen

Vor Kurzem hat mich der Piper Verlag angeschrieben, ob ich Interesse daran hätte, das neue Buch von Clara Maria Bagus – Die Farbe von Glück -vorab zu lesen. Da das offizielle Veröffentlichungsdatum erst heute ist, habe ich mich sehr gefreut, diese tolle Gelegenheit schon ein paar Wochen früher bekommen zu haben – vielen herzlichen Dank an dieser Stelle an den Piper Verlag!

Selbstverständlich habe ich mir vorab durchgelesen, worum es in dem Buch gehen soll – Und was soll ich sagen? Der Verlag hat total ins Schwarze getroffen, denn wenn ich lese, dass ein Buch die großen Themen des Lebens behandelt, hat man mich sofort. Auch wenn es natürlich nicht das Ziel jeder Lektüre sein soll/muss, liebe ich es, wenn ich beim Lesen etwas für mich selbst mitnehmen kann. Und so viel vorweg: Das sollte bei diesem Buch auf 352 Seiten mehr als erfüllt werden.

Wenn ihr meine Einzelrezension lieber ansehen möchtet, gibt es hier für euch das Video:

Die Handlung

Eigentlich möchte ich über diesen Roman gar nicht zu viel verraten. Auf dem Klappentext findet der Leser vorrangig Zitate bekannter Persönlichkeiten, die sich zu diesem Buch äußern. Sie bringen es meiner Meinung nach sehr gut auf den Punkt, worum es bei dieser Geschichte geht, ohne zu viel vorwegzunehmen. Grundsätzlich kann man jedoch sagen, dass wir als Leser drei unterschiedliche Familien über viele Jahre hinweg begleiten, die aufgrund einer einzigen Entscheidung in ihrem Leben miteinander verbunden sind und aufgrund dessen ihre ganz eigenen Entwicklungsprozesse durchmachen.

Meine Meinung

Schon auf den ersten Seiten hat mich dieses Buch sehr berührt: Die Grundsituation, mit welcher die Geschichte beginnt, ist tragisch und traurig, weswegen ich tatsächlich bereits am Anfang die eine oder andere Träne verdrücken musste. Clara Maria Bagus schafft es aber nicht nur durch den Inhalt diese Emotionen zu wecken, sondern auch durch ihren wundervollen Schreibstil. Er ist metaphorisch und sehr gefühlvoll, was nicht zuletzt dazu führt, dass ich schnell einen Zugang zu dieser Geschichte gefunden habe. Es fällt mir schwer abzuschätzen, ob es für manche Leser gegebenenfalls ein wenig „too much“ wäre, ich für meinen Teil empfand ihren Stil aber toll: Für mich ist er keinesfalls zu kitschig und vor allem deshalb ganz besonders, weil es die Autorin schafft, die komplexe Gefühlswelt der Protagonisten auf recht einfache Bilder herunterzubrechen, sodass wir als Leser eine bessere Vorstellung davon bekommen und uns hineinfühlen können.

Die Farbe von Glück - Clara Maria Bagus

Das Buch zeigt, dass eine einzige Entscheidung nicht nur das Leben von einem selbst, sondern auch von unzähligen anderen Personen stark verändern kann. Dabei geht es nicht nur um Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld, sondern auch um Fremde, die durch unser Handeln mittelbar oder unmittelbar tangiert sein können. Und das leider nicht nur auf positive Art und Weise.

Doch wie schafft man es nun, mit einer Entscheidung, die unzählige vermeintliche negative Folgen mit sich bringt, den Rest seines Lebens zu leben? Das zeigt uns Jules, einer der Hauptprotagonisten, der von tiefen Schuldgefühlen und einer unsagbaren Zerrissenheit geprägt ist. Als Leserin empfand ich nahezu jeden einzelnen Tag als reine Qual für ihn und fragte mich tatsächlich an der einen oder anderen Stelle, ob oder wie er aus dieser scheinbar ausweglosen Situation herauskommen wird.

Doch nicht nur Jules war ein interessanter Charakter für mich: Auch seine Partnerin Louise, eine (aus guten Gründen) recht zerbrechliche Person, hielt ich für spannend. Sie stellte für mich den Part dar, der sehr viel mehr spürt als das, was oberflächlich sichtbar ist, die Dinge jedoch nicht beim Namen nennt und sie lieber verdrängt. Vielleicht kommt euch ein solches Verhalten auch bekannt vor – ob von euch selbst oder von jemand anderem. Klar ist: Clara Maria Bagus schreibt über das Leben und uns Menschen. In diesem Buch findet man sich wieder.

Mit Charlotte, welche vorrangig die zweite „Seite“ dieses Romans einnimmt, hatte ich am meisten Mitleid. Denn nicht nur durch eigene bewusste Entscheidungen können wir in unserem Leben in eine missliche Lage geraten. Nein, manchmal befinden wir uns auch durch unglückliche Umstände in einer solchen Situation, weil uns scheinbar keine andere Wahl bleibt, vielleicht sogar weil wir dazu gedrängt werden. Selbstverständlich haben wir auch hier immer die Wahl, ob wir uns zu etwas überreden lassen oder nicht. Dass es aber nicht in jedem Fall und unter allen Umständen so einfach ist, zeigt Bagus sehr konkret.

Klingt alles ziemlich trist und aussichtslos? In der Tat. Genau das ist die Ausgangslage in diesem Buch.

Doch dann kommt das große Aber: Clara Maria Bagus ist keine Autorin, die sich auf Hoffnungslosigkeit und das Aufgeben fokussiert. Ganz im Gegenteil: Ich habe selten Bücher gelesen, die eine solch positive Denkweise verbreiten wie dieses. Das Buch ruft dazu auf, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich beziehe mich hier vorrangig auf negative Ereignisse, bei denen es natürlich erst recht schwerfällt, das Gute darin zu erkennen. Fakt ist aber: Das Empfinden des Lebens – egal, ob wir es für schlecht oder gut halten – hängt stark damit zusammen, mit welchem Blick wir durch die Welt gehen. Das zeigten mir die Handlungsstränge und Protagonisten, die vollkommen authentisch und nah auf mich wirkten.

In puncto Echtheit/Realitätsnähe muss ich sagen, dass es zwei Geschehnisse in diesem Buch gab, die mich anzweifeln haben lassen, ob dies tatsächlich so passieren könnte – ich bin mir nicht sicher, würde aber eher zu einem „Nein“ tendieren. Wenn ihr mich kennt, wisst ihr, dass ich immer großen Wert auf eine gewisse Logik lege und Fantasie nicht wirklich mein Ding ist. Aber: In diesem Buch geht es meiner Meinung nach wirklich weniger um diese kleinen Details – Das Beschweren über Momente und Situationen, die sich vielleicht nicht so zutragen würden, erscheint hier sogar fehl am Platz. Es geht um das große Ganze, um die Höhen und Tiefen in unserem Leben und wie wir damit umgehen. Für mich ist es eine Kunst, all das, was uns Menschen ausmacht und beschäftigt, in Form der Geschichte zweier Familien auf einer doch recht begrenzten Seitenanzahl unterzubringen.

Fazit

Ein Must-Read für all diejenigen, die gerne „hinter die Kulissen blicken“, das Auge für’s Detail haben, nicht alles wissenschaftlich erklären müssen und sich gerne in Protagonisten und Lebenssituationen hineindenken und hineinfühlen. Ich hatte beim Lesen alle Emotionen durch: Ich habe die anfängliche Trauer, depressive Grundstimmung und die Hilflosigkeit gespürt, am Ende jedoch das Buch zugeklappt und eine vollkommene Zufriedenheit und Ruhe verspürt. Alles passiert aus einem Grund. Der Lebensweg eines anderen muss nicht unserer sein. Wenn wir offen und neugierig bleiben, uns auf die „richtigen“ Gedanken konzentrieren, finden wir aber alle unsere ganz eigene Farbe von Glück. Ganz bestimmt.

Eure Sybi

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