Michael Christie – Das Flüstern der Bäume Rezension: Ein Meisterwerk

Nachdem ich „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers gelesen hatte, war ich skeptisch, ob ich jemals wieder ein Buch über Bäume in Verbindung mit einer Familiengeschichte so lieben werde wie dieses. Als ich jedoch im Zuge meiner Recherche für die Neuerscheinungen im Monat Oktober auf „Das Flüstern der Bäume“ stieß, dachte ich: „Das muss ich lesen.“ Also habe ich es kurzerhand beim Bloggerportal angefragt und es als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen. Es erschien am 5. Oktober 2020 und umfasst 560 Seiten.

Das Flüstern der Bäume Michael Christie

Die Handlung

In diesem Buch geht es um Jacinda Greenwood, die sich auf Greenwood Island aufhält und dort als Naturführerin arbeitet. Bis zu dem Tag, an dem ihr Exfreund vor ihr steht, glaubt sie, dass die Namensgleichheit reiner Zufall ist. Doch dieser hat ein Tagebuch im Gepäck, welches ihre Familiengeschichte enthüllt, die ihr bisher fast gänzlich verborgen blieb.

Meine Meinung

Zugegeben: Bei „Das Flüstern der Bäume“ fiel mir der Einstieg alles andere als leicht. Der Schreibstil wirkte sehr sachlich und emotionslos, die Sätze waren teilweise zu verschachtelt und die Protagonisten schienen mir mehr als fern. Wenn ich keinerlei Zugang zu den Charakteren finde, ist es meist schon vorbei und ich lege das Buch zur Seite. Doch Vorsicht: Der erste Eindruck täuscht und ich kann an dieser Stelle bereits vorwegnehmen, dass ich nur selten in Bücher so eintauchen kann wie es bei diesem geschehen ist.

Doch erst einmal zu Christies Erzählweise: Es beginnt mit dem Jahr 2038, welches in dem Buch die Gegenwart darstellt. Er beschreibt Jacindas (kurz: Jakes) Leben auf Greenwood Island sowie ihre Ängste und Sorgen. Das Bild, welches er von dieser Zeit bezogen auf die Natur und den Zustand der Menschen schafft, ist mehr als erschreckend: Es existieren kaum noch Bäume, eine dicke Staubschicht liegt in der Luft, die Menschen erkranken. Mitten in der grünen Oase von Greenwood Island arbeitet Jake, die ihrer Arbeit als Naturführerin nachgeht. Auch wenn sie über ihren Aufenthaltsort glücklich sein kann, sind ihre Probleme immer präsent. Diesen Part empfand ich als etwas langatmig und unspektakulär, was sich jedoch schnell änderte, als ihr Exfreund mit einem Tagebuch ins Bild kam.

Ab diesem Zeitpunkt gehen wir zurück in die Vergangenheit: Es werden immer mehr Protagonisten vorgestellt, die auf ihre Weise sehr speziell und vom Autor perfekt gezeichnet sind. Im Laufe des Buches werden somit sehr viele unterschiedliche Zeitabschnitte abgedeckt, die allesamt in Verbindung zu einem bestimmten Charakter stehen.

Als Leser erfahren wir dadurch nach und nach, was es mit Jakes Vergangenheit auf sich hat. Die Sympathien wechseln hierbei stark: Während ich im einen Moment eine vollkommene Abneigung gegenüber einem Protagonisten empfand, kehrte diese ins absolute Gegenteil, als ich mehr über die Beweggründe seines Handelns erfuhr. Zunächst geriet ich ein wenig in „Panik“, weil ich nicht wusste, wie viele Charaktere noch hinzukämen und ob ich mir alle merken können würde. Allerdings stellte dies keinerlei Problem dar, da sich die Abschnitte und Informationen so oft wiederholten, dass ich mich schnell zurechtfinden konnte.

Mit den Bäumen, die für die gesamte Familie Greenwood eine große Bedeutung haben, schafft Michael Christie ein mächtiges Symbol, das im Laufe des Buches immer wieder auftaucht. Diese Momente empfand ich als schön und äußerst kraftvoll. Sie rütteln wach und zeigen auf, wie wertvoll und bedeutsam die Natur ist und dass es unsere Aufgabe ist, sie zu schützen.

Die Schönheit ist hierbei auch ein gutes Stichwort: Christie hat es mit diesem Roman geschafft, eine nicht selten traurige, herzzereißende, fast schon deprimierende Handlung mit wundervollen Momenten zu verbinden, die mich als Leserin mit einem weinenden und lachenden Auge zurückließen. 

Die Parallelen zum echten Leben dürfen hierbei auch nicht unberücksichtigt bleiben: Sie sind da – an unzähligen Stellen. In „Das Flüstern der Bäume“ geht es schließlich unter anderem auch um alles Nicht-Ausgesprochene in einer Familie, was die eigene Verortung im Leben schwer bis unmöglich machen kann. Fragen wie „Woher komme ich?“, „Wer genau sind meine Vorfahren?“, „Was ist ihnen in der Vergangenheit passiert, das ihr Handeln erklärt?“ sind dauerpräsent und nahezu quälend. Die Lektüre regt demnach auch an dieser Stelle zum Nachdenken darüber an, ob eine vollkommen offene Kommunikation alles leichter oder aber aber auch schwerer machen kann: Ganz so einfach beantworten kann man diese Frage meiner Meinung nach nicht. 

Mit einem grandiosen Schluss, bei dem Christie – wieder mit Bezug auf die Bäume – beschreibt, was „Familie“ ist, findet dieses Buch für mich ein rundes Ende. Aufgrund dessen kann ich dem Autor auch die an wenigen Stellen recht realitätsfernen Handlungen, die fast schon actionlastig und reißerisch sind, ohne Probleme verzeihen.

Fazit

Wer auf der Suche nach einer wundervollen Familiengeschichte ist, die zum Nachdenken anregt und den Leser sowohl traurig als auch glücklich und zufrieden zurücklässt, sollte sich „Das Flüstern der Bäume“ unbedingt näher ansehen. Der Roman handelt vom Leben, von Zuversicht und forciert dabei den Blick auf die Natur, die uns alle verbindet und die Basis für alles darstellt. Ein echtes Lesehighlight! 

Eure Sybi

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