Rezension zu „Das Institut“ von Stephen King: Kann er es wirklich noch?

Kann Stephen King es wirklich noch, das Schreiben? So mancher ist mittlerweile nicht mehr ganz so überzeugt davon. Nachdem ich „ES“ im Oktober beendet hatte, konnte ich mich noch nicht ganz von King lösen: Nahezu den kompletten Herbst über hat mich die Lektüre begleitet und ich fühlte mich schon fast als Teil der Gruppe bestehend aus Bill, Stan, Eddie, Mike, Ben, Beverly und Richie. Gerade die präzise gezeichneten Charaktere und die unglaubliche Symbolgewalt erhoffte ich mir auch von Kings neuestem Roman: Das Institut. Also fragte ich es kurzerhand beim Heyne Verlag an und erhielt es freundlicherweise als Rezensionsexemplar. Es erschien am 9. September 2019 und umfasst 768 Seiten.

Stephen King Das Institut Rezension

Die Handlung

Luke Ellis ist ein ganz besonderer Junge: Er ist intelligenter als die anderen, verfügt über paranormale Fähigkeiten und ist nicht zuletzt deshalb die meiste Zeit überfordert und gelangweilt. Seine Eltern sind bemüht darum, ihn so gut es geht zu unterstützen: Die Zukunft steht ihm offen. Doch Lukes Eltern werden in ihrem Haus in einem Vorort von Minneapolis ermordet und der Junge entführt.

Einige Zeit später wacht er in einem Zimmer auf, das aussieht wie seines, allerdings über keine Fenster verfügt. Er befindet sich im Vorderbau des sogenannten Instituts. Dort lernt er eine Vielzahl anderer Kinder kennen, die ebenfalls außergewöhnliche Fähigkeiten haben. Immer mehr Kinder werden nach einigen Tests, die an ihnen ausgeführt werden, in den sogenannten Hinterbau gebracht und kehren nie wieder zurück. Lukes Gedanke an Flucht wird immer stärker, doch bisher hat es niemand geschafft, aus dem Institut zu entkommen.

Meine Meinung

Wer schon einmal einen King gelesen hat, weiß, dass er sich besonders lange damit aufhält, Charaktere bis ins kleinste Detail zu beschreiben. Was einige Leser als zu ausufernd empfinden, ist für mich gerade das, was ich an dem Autor schätze. Die Figuren erwachen dadurch für mich zum Leben und fühlen sich für mich besonders nah an. Vielleicht mag es etwas unfair sein, „Das Institut“ mit „ES“ – einem seiner absoluten Meisterwerke – zu vergleichen, allerdings liegt es allein aufgrund dessen nahe, da in beiden Büchern Kinder die Hauptrolle spielen. Stephen King schlägt bei „Das Institut“ allerdings einen vollkommen anderen Weg ein: Wir als Leser erfahren zu Beginn nicht sonderlich viel über Luke Ellis, die Personen am Institut und Tim (ein sogenannter „Nachtklopfer“, was sich als nichts anderes herausstelle als ein Nachtwächter – einer der unzähligen Übersetzungsfehler in diesem Buch). Die Beschreibungen und Hintergründe bleiben für King-Verhältnisse eher oberflächlich. Dies ist mit Sicherheit etwas, das einigen Lesern, die sich über die ausufernde Art des Autors echauffieren, gefallen könnte. Für mich persönlich ging dadurch allerdings sehr viel verloren. Ich konnte keine wirkliche Beziehung zu den Protagonisten aufbauen: Unsympathisch waren sie mir zwar nicht, allerdings waren sie so platt gezeichnet, dass ich sie als recht langweilig empfand. Ziemlich schade, wie ich finde, weil sie so viel mehr hergegeben hätten!

Wie schon kurz angedeutet, störten mich auch wirklich die unzähligen Übersetzungsfehler in diesem Buch, auf die ich vielleicht gar nicht aufmerksam geworden wäre, wenn ich nicht das Video von „Toto liest“ zu unter anderem diesem Buch gesehen hätte. Da ich auch einen Teil des Buches gehört habe, fällt mir sowas für gewöhnlich weniger auf als wenn ich das Buch vollständig lese und das Geschriebene somit direkt vor mir habe. Aber Konstruktionen wie „die, wo…“ oder Übersetzungen a la „Nachtklopfer“ statt „Nachtwächter“ sind schon wirklich grenzwertig und nicht angemessen für einen Stephen King.

Spannungstechnischempfand ich das Buch auch eher mittelmäßig. Die Zeit im Institut hat sich für mich persönlich sehr gezogen und war eher langweilig. Dabei war das Thema als solches für mich unfassbar spannend: Was hat diese Institution mit den Kindern vor, die ganz besondere Fähigkeiten haben? In welcher Form möchten sie sich diese zunutze machen? Ich finde, da gab es leider unheimlich viel Potenzial, das nicht genutzt wurde. Vielmehr wurden die durchgeführten Tests immer recht ähnlich beschrieben, sodass ich irgendwann an dem Punkt war, an dem ich mir dachte: Okay, ich weiß es nun langsam. Später in der Geschichte wird es dann nochmal spannend, was etwa das letzte Drittel des Buches ausmacht, doch bis dahin muss man bei einem knapp 800 Seiten Werk natürlich erstmal kommen.

Während mir „ES“ unheimlich viele Möglichkeiten der Interpretation bot, suchte ich nach diesen bei „Das Institut“ eher vergeblich. Was ich für mich mitnehmen konnte, war, dass die Intelligenz/besonderen Fähigkeiten von Menschengenutzt werden, um verwerfliche Ziele zu verfolgen. Es erfolgt eine Art Instrumentalisierung, der es sich nur schwer zu entziehen gelingt. Doch wer sitzt letztendlich am längeren Hebel: Die Instrumentalisierenden oder die Instrumentalisierten? Vielleicht ist es auch hier nicht fair, bei jedem King Roman auf die Suche nach Möglichkeiten der Interpretation zu gehen, allerdings ist man es von ihm eben auch einfach nicht anders gewohnt, sodass ich es nahezu zwangsläufig tue.

Fazit

Alles in allem war „Das Institut“ ein mittelmäßiges 3-Sterne-Buch für mich: Mit einer tollen Idee als Ausgangspunkt, die in der Umsetzung leider ihre Schwächen hat. Um King kennenzulernen, würde ich dieses Buch nicht empfehlen, da es sich meiner Meinung nach von seiner gängigen Art zu schreiben doch sehr unterscheidet. Und jetzt hoffe ich, dass das nächste Buch von ihm für mich wieder ein absolutes Highlight wird, wir dürfen gespannt sein!

Habt ihr „Das Institut“ schon gelesen? Wenn ja, wie fandet ihr es?

Eure Sybi

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